
Wer wie wir seit jeher eine skeptische Haltung gegenüber Phänomenen wie den überdrehten, finanzmarktgetriebenen Formen des Kapitalismus pflegt, kann vom zwischenzeitlichen Ergebnis der Entwicklung der letzten Monate nicht wirklich überrascht sein. Allenfalls Zeitpunkt, Fallhöhe und -geschwindigkeit trafen (den wider besseren Wissens dem Zwang zu linearer Extrapolation folgenden) Menschen heftig und unvermittelt. Und so besteht nur begrenzter Anlaß zu glauben, daß die von unserem Gründer Thomas Hoof einst geäußerte Hoffnung (zuletzt nachzulesen in den » Hausnachrichten im Herbst 2007) zur Wirklichkeit wird, nämlich daß „der Kasinokapitalismus seinen Ab- und Untergang mit ebensoviel Feingefühl und Anstand [wie zuletzt der real existierende Sozialismus] inszeniert“.
An deutlichen Diagnosen, verbunden mit düsteren Prognosen, mangelt es nicht: „Wir beobachten an der heutigen Ökonomie einen chronischen Defekt. Für einen chronisch Moribunden – und um einen solchen handelt es sich bei der modernen Gesellschaft – gibt es keine Krise mehr, die zur Gesundung führen könnte. Was uns bleibt, sind Maßnahmen, um lebensgefährliche Verschlechterungen des Befunds zu dämpfen oder zu verschleiern. Wir bewegen uns im Bereich der palliativen Medizin, die Symptome mildert, nicht heilt.“
So Peter Sloterdijk in einem » Interview mit der Süddeutschen Zeitung, in dem auch noch folgendes zu lesen ist, als referierendes Zitat von einem Ökonomen, der nicht zufällig auch einmal die Leitlinien der Politik bestimmte: „Vor Jahren benutzte Altkanzler Helmut Schmidt im Blick auf das Verhältnis von Finanzwesen und produzierender Wirtschaft eine schöne Metapher: Geldmengen müßten eine Art Kleid sein, das einem Körper angemessen wird. Es sollte eher locker fallen, casual, wie man sagt.“
Sloterdijk ergänzt: „Nun hat sich aus dieser lockeren Finanz-Couture eine aberwitzige gespenstische Umhüllung entwickelt, die lautlos im Raum flattert.“ Thomas Hoof, inzwischen ja bekanntlich nicht mehr an unserer Spitze wirkend, aber deshalb von uns nicht weniger geschätzt, bezeichnet unlängst in einem Beitrag für die » Zeitschrift Sezession die (vorgebliche) Rettung der Finanzmärkte als „Gaunerkomödie“ und prophezeit dem „angelsächsisch geprägten Wirtschaftsmodus des ‚Freien Westens‘“ eine „Implosion mit Knalleffekt“.
Von nun an geht’s bergab? Das ist mehr als eine Vermutung, und keine überraschende. Doch wie ist dem zu begegnen? Wir enthalten uns des verständlichen, aber aus oben genannten Gründen vergeblichen Versuchs, zu ermessen, ob, wann und vor allem auf welchem Niveau die Achterbahnfahrt der letzten Jahre wieder auf berechenbarere Pfade zurückehrt, und meinen: am besten weiterhin mit einer grundskeptischen, dem gesunden Menschenverstand verpflichteten Haltung – resistent gegenüber schnellen Erholungsversprechen ebenso wie unausweichlichen Untergangsszenarien, also vorzugsweise mit Gelassenheit.
Denn wer bereit ist, die Grenzen oder eine Umkehr des Wachstums zu akzeptieren, wird leichter klarkommen mit dem, was früher oder später auf uns zukommt. Was für nicht ganz Unempfindliche schon lange zu spüren ist und auf der Hand liegt: Es wird materielle Abnahmen und Totalverluste geben; bislang Selbstverständliches wird dem- nächst fehlen. Bereiten wir uns auf den Abschied von vielen vermeintlichen und manchen echten Errungen- schaften der neueren Zivilisation vor. Was prinzipiell nicht jedem fatal vorkommen muß, denn der Verlust mancher Dinge kann auch erleichternd sein.
Jeder prüfe sich selbst und streife einmal an Schränken und Regalen vorbei (auch an solchen mit Büchern) und greife nach dem Zufallsprinzip hinein. Es sammelt sich so einiges an, was man bei etwas genauerem Augenschein ohne Bedauern nur für überflüssig halten darf.
„Wie beziehungslos Menschen, auch gebildete, zwischen den Dingen ihrer Lebenskulisse herumgeistern können, wie unachtsam sie diese auswählen oder mißhandeln, das hat den Anflug eines Elends, das nur der Reichtum produzieren kann“, schrieb Walter Grasskamp 1996 in seinem hellsichtigen Essay über „Die Ware Erlösung“ (http://www.chbeck.de/productview). Weiter heißt es dort: „Doch bleibt die Faszination einer Welt, in der Konsumgüter noch nicht auf Anhieb als potentieller Müll angesehen werden mußten.“ Kann sein, daß solche Zeiten wiederkommen, in jedem Fall heißt es, bei künftigen Anschaffungen wählerisch zu sein:
Der Seufzer einer unbekannt gebliebenen westfälischen Hausfrau, „Um schlechte Qualität zu kaufen, sind wir zu arm“, drückt aus, was einerseits demnächst zunehmend geboten sein wird, andererseits aber à la longue eine kluge Strategie sein kann, weil sie keinen Müll produziert und Zinsen trägt. Nachhaltiges und Langlebiges wird weiter an Wert gewinnen, und dieser Mehrwert wird für unser tägliches Tun Konsequenzen haben. Nicht von ungefähr steht die heutige Automobilindustrie – eine Branche, die im Übermaß (in der Regel auf Pump zu erwerbende), vornehmlich der individuellen Selbstinszenierung dienende Vehikel ausgespuckt hat – sinnbildlich für ein wahrscheinliches Opfer der beginnenden Zeitenwende.
Nebenbei fällt die Unsinnigkeit auf, mit der funktionstüchtige Automobile dem Schrott zugeführt (mit staatlicher Förderung, deklariert als Umweltprämie) und durch neue ersetzt werden, obwohl deren Produktion ökologisch alles andere als sinnvoll ist. Die aus Not langlebigsten Automobile fahren bekanntlich seit ungefähr fünfzig Jahren auf Kuba – und zwar ohne uns mit Effizienten Dynamiken oder sogar der Blauen Effizienz (vom Himmel?) die Sinne zu vernebeln. Diese mobilen Methusaleme haben keinen Katalysator und verbrauchen außerdem ordentlich viel Kraftstoff. Effizienz wird in diesem Fall dadurch erreicht, daß man sie nur dann benutzt und ersetzt, wenn es wirklich sein muß. Für individuelle Mobilität gibt es (dort und hier noch viel mehr) reichlich taugliche Alternativen. Wenn wir über den Weg von der Überfußgesellschaft über die Überdrußgesellschaft zu einer solchen gelangten, die auf breiter Front und nicht nur am unteren Rand wieder spürbaren Mangel kennenlernt, dann wird dies also nicht zwingend auf allen Ebenen zu einer Einschränkung.
Eher eine Herausforderung an unsere Intelligenzressourcen, zum Beispiel sparsam und weitblickend zu agieren; ob wir bauen, wohnen, heizen, essen, uns fortbewegen oder eben kaufen. Das Ende der Selbstverständlichkeit ist der Beginn der Bescheidenheit, und man wird es nicht nur schlimm finden müssen, wenn Gebrauch statt Verbrauch dominiert und Vernunft statt Verschwendung.
Keinesfalls wollen wir uns dem Verdacht aussetzen, wir freuen uns in diesem Sinn klammheimlich auf andere, ohne Zweifel und vor allem für weniger Privilegierte äußerst schwierige Zeiten. Genauso wenig meinen wir, daß sich das zukünftige weltwirtschaftliche Güterangebot auf einem Bierdeckel auflisten lassen soll und wird. Bedürfnisse in der Zivilisation sind vielschichtig und der Mensch lebt nicht vom Brot allein; nicht von ungefähr sind Schnaps und Zigaretten die härteste Währung in Zeiten der Not, und wohl nicht zufällig ist das Kino, die große Projektion der Illusion, das populärste Medium in der Depression, oder, auf heutige Verhältnisse umgemünzt, das Bezahlfernseh-Abo neben Versandhausschulden der am sichersten anzutreffende Begleiter fast jeder Privatinsolvenz.
Aber wir sind durchaus optimistisch. Nicht weil wir auf Weisheit und Einsicht einzelner oder gleich aller Menschen vertrauen oder gar auf die Heilungskräfte der letzten, ungedeckten staatlichen Schecks. Sondern weil demnächst wieder grundlegende, existentielle Fähigkeiten gefordert sein werden; weil Haltung vonnöten sein wird und nicht Pose. Weil zunehmend wieder echte Solidarität und Subsidiarität, aber auch Autarkie und Wehrhaftigkeit entwickelt werden, statt konsumfixiertem Eigensinn, gepaart mit hohler Rhetorik. Aus Spiel wird wieder Ernst. Oder um ein passendes Bild zu skizzieren: Ob im eigenen Garten oder beim öffentlichen Diskurs, die dekorative Salatkultur wird dem planvollen Gemüseanbau weichen und die rhetorische Geste dem nüchternen, fundierten und transparenten Standpunkt. Ein bescheidener Fortschritt, vielleicht, und kein leichter Weg aus der Krise – aber mehr als ein Hoffnungsschimmer allemal.
Mit freundlichem Gruß